Description
Das Schaf, das in die Zukunft sah
Es war einmal ein Schaf, das träumte.
In seinen Träumen besaß es Reichtum, bewegte sich in glänzenden Maschinen, lebte in großen Häusern und sah sich selbst als überlegen, kalt und allein. Es war kein Tier mehr, sondern etwas anderes – etwas Härteres, Getrenntes, Einsames. Diese Bilder erschreckten es und erfüllten es zugleich mit Stolz.
Denn in der wirklichen Welt war es nichts weiter als ein Schaf.
Es lebte vor etwa achttausend Jahren, zu einer Zeit, in der der Mensch begann, Tiere zu domestizieren und sich die Erde zum Untertan zu machen. Das Schaf war sanft, friedlich und unauffällig. Niemand ahnte, dass es sehen konnte, was kommen würde. Seine Gabe blieb unbemerkt, weil sie nicht in Worte gefasst werden konnte. Und so schwieg es.
Dieses Schweigen machte es einsam.
Es glaubte, allein zu sein mit seiner Hellsicht, einzigartig in seinem Blick in die Ferne. Was es nicht wusste: Alle Schafe sahen. Jedes trug Bilder einer fernen Zukunft in sich. Doch ohne Sprache, ohne Vergleich, hielten sie diese Bilder für sich selbst.
Sie irrten sich.
Was sie sahen, war nicht ihr eigenes Werden, sondern das des Menschen. Die Härte, den Hochmut, die Maßlosigkeit – all das gehörte nicht ihnen. Doch sie konnten es nicht unterscheiden. Ihr Wesen war zu friedlich, um das Gesehene als böse zu erkennen. Sie nahmen es hin wie einen Traum, wie eine ferne Landschaft ohne Bedeutung.
Eine Wirklichkeit ohne Wirkung.
Erst viele tausend Jahre später wurde diese Zukunft Gegenwart. Der Mensch wurde das Wesen, das die Schafe einst gesehen hatten. Berechnend, rastlos, zerstörerisch – und dennoch bewundert. Heute wissen die Schafe es. Doch ihr Wesen hat sich nicht verändert.
Sie empfinden den Menschen noch immer als gut.
Nicht aus Unwissenheit, sondern aus Unfähigkeit zum Hass. Ihr sanftes Gemüt lässt keine Verurteilung zu. Sie fühlen sich gut, selbst im Wissen um das Schlechte. Und vielleicht ist genau das ihre letzte Wahrheit:
dass das Böse erkannt werden kann –
ohne selbst böse zu werden.
Erzählung und Bild von Georg




