Dies ist ein Titel

Im Studium wurde 1998 in einem Seminar die Frage gestellt:

„Kann sich jemand vorstellen, dass wir irgendwann Pizza online bestellen?“

Die Reaktionen waren verhalten. Nur wenige hoben die Hand, die meisten blieben skeptisch. Aus heutiger Sicht wirkt das fast kurios – damals war es jedoch eine typische Haltung gegenüber neuen Technologien.

Bereits 1994 wurde Amazon gegründet. In Deutschland wussten zu dieser Zeit die meisten Menschen noch nicht einmal, was das Internet überhaupt ist. Als es bekannter wurde, begegnete man ihm oft mit Skepsis, Zweifel und Unglauben. Während andere Länder die Chancen erkannten und investierten, diskutierte man hier vor allem über Risiken.

Geschichte wiederholt sich.

Die nächste große technologische Revolution ist die Künstliche Intelligenz. Und wieder scheint Deutschland vor allem zu zögern. Statt die Möglichkeiten offensiv zu erkunden, dominieren häufig Bedenken, Warnungen und Zukunftsängste. Wie zu Beginn des Internetzeitalters steht mancherorts eher der Zweifel im Vordergrund als die Bereitschaft, Neues aktiv mitzugestalten.

Besonders deutlich zeigt sich das derzeit in der Kunst.

Dort wird KI vielfach noch als Bedrohung wahrgenommen. Oft hört man, nur das Original, das ausschließlich von Hand Geschaffene, sei wahre Kunst. Dieser Sichtweise kann ich nur teilweise zustimmen.

Wenn ein Bild ausschließlich durch eine kurze Anweisung an eine KI entsteht, ohne eigene Idee, ohne Konzept, ohne gestalterische Leistung, dann ist das für mich tatsächlich auch nicht als Kunst zu verstehen.  In Ausnahmefällen schon. Wenn etwa eine Abfrage der KI durch den Kunstinteraktör Bestandteil eines Kunstwerkes ist.

Von solchen Ausnahmen mal Abgesehen, verhält es sich jedoch anders, wenn die KI als Werkzeug eingesetzt wird – als Erweiterung des kreativen Prozesses. Wenn eine eigene Zeichnung, Malerei, Komposition oder konzeptionelle Idee die Grundlage bildet und die KI dazu dient, diese weiterzuentwickeln, zu transformieren oder neue Perspektiven zu eröffnen, dann bleibt die kreative Leistung beim Künstler.

Für mich ist die KI kein Ersatz für Kreativität, sondern ein neues Instrument. So wie einst die Fotografie, der Computer oder die digitale Bildbearbeitung zunächst auf Skepsis stießen und später selbstverständlicher Bestandteil künstlerischer Arbeit wurden, wird auch die KI ihren Platz in der Kunst finden.

Nicht das Werkzeug entscheidet darüber, ob etwas Kunst ist. Entscheidend sind die Idee, die Intention und die schöpferische Leistung dahinter.

Ja, inhaltlich ist das gut, aber sprachlich und argumentativ kann man es deutlich schärfer formulieren:

Die eigentliche Frage ist nicht, ob KI verwendet wurde, sondern wo die künstlerische Leistung liegt.

In der Kunstgeschichte wurden neue Werkzeuge, Techniken und sogar ganze Stilrichtungen zunächst fast immer mit Skepsis betrachtet oder sogar abgelehnt:

  • Fotografie im 19. Jahrhundert

  • Collage und Ready-Mades bei Marcel Duchamp

  • Siebdruck bei Andy Warhol

  • Digitale Bildbearbeitung

  • Computerkunst

  • Videokunst

Heute gelten all diese Verfahren als selbstverständliche Bestandteile der Kunstgeschichte.

Selbst Kunstbewegungen, die heute zu den bedeutendsten der Moderne zählen, waren zu ihrer Zeit umstritten. Ein interessantes Beispiel ist Salvador Dalí. Heute gilt er als der bekannteste Vertreter des Surrealismus. Oft wird jedoch vergessen, dass er 1939 von den Surrealisten um André Breton aus der Bewegung ausgeschlossen wurde. Dalí erschien vielen Mitgliedern zu kommerziell, zu unpolitisch und zu wenig revolutionär. Was heute als Meisterwerk gefeiert wird, galt damals innerhalb der Avantgarde teilweise als Verrat an ihren Idealen.

Die Geschichte der Kunst zeigt daher immer wieder dasselbe Muster: Das Neue wird zunächst belächelt, bekämpft oder abgelehnt – und später oft als selbstverständlicher Teil der Kunst akzeptiert.

Bei der Künstlichen Intelligenz erleben wir derzeit einen ähnlichen Prozess.

Der entscheidende Unterschied liegt dabei nicht im Werkzeug, sondern in der Frage nach der Urheberschaft. Wenn die KI die Idee liefert und der Mensch lediglich das Ergebnis auswählt, wird die künstlerische Leistung verständlicherweise skeptischer bewertet.

Entsteht das Werk jedoch aus einer eigenen zeichnerischen, malerischen oder konzeptionellen Idee und wird die KI als Werkzeug zur Weiterentwicklung, Transformation oder Verfeinerung eingesetzt, dann bleibt die schöpferische Leistung beim Künstler.

Nicht das Werkzeug macht Kunst. Kunst entsteht durch Vorstellungskraft, Intention, Entscheidung und Gestaltung. Die verwendeten Mittel haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert – die kreative Leistung dahinter bleibt dieselbe.

Wenn der Künstler die Idee liefert

und die KI als Werkzeug nutzt, um:

  • Stilvarianten zu entwickeln,
  • Bildwelten zu transformieren,
  • Kompositionen weiterzuentwickeln,
  • eigene Zeichnungen oder Gemälde zu bearbeiten,

dann sehen viele Kunsttheoretiker darin bereits heute eine legitime künstlerische Praxis.

Ich entwickle eigene zeichnerische oder malerische Idee und verändere sie teilweise anschließend mit KI oder gebe ihr einen bestimmten Stil.

ES bleibt BEI MIR:

  • die ursprüngliche Bildidee,
  • die Komposition,
  • die Motivwahl,
  • die konzeptionelle Entscheidung

Die KI übernimmt die Rolle eines Werkzeugs oder Assistenten.

Das ähnelt eher:

  • einer Druckgrafik,
  • einer Dunkelkammertechnik,
  • Photoshop,
  • oder einem Ateliergehilfen,

als einer vollständig fremden Urheberschaft.

Die Skepsis heute hat mehrere Gründe:

  • Viele Menschen sehen nur den Prompt und nicht den gesamten Entstehungsprozess.
  • Es gibt eine Flut beliebiger KI-Bilder ohne erkennbare künstlerische Absicht.
  • Der Kunstmarkt und Institutionen sind noch dabei, Kriterien zu entwickeln.

Ich vermute, dass sich die Sichtweise in den nächsten 10–20 Jahren deutlich verändern wird. Wahrscheinlich wird man dann weniger fragen:

„Wurde KI verwendet?“
sondern eher:
„Welche eigene künstlerische Entscheidung
steckt in der Arbeit?“

Das ist letztlich dieselbe Frage, die auch bei Fotografie, Collage oder digitaler Kunst gestellt wird.

Für jemanden, der selbst zeichnet, malt, gestaltet und die KI gezielt zur Transformation eigener Arbeiten nutzt, ist die Position deutlich stärker als bei rein promptgenerierten Bildern ohne eigene Vorarbeit.

Die künstlerische Leistung liegt dann nicht im Werkzeug, sondern in der Idee, Auswahl, Steuerung und Weiterentwicklung des Werkes.

 

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