If you look at what you have in life, you’ll always have more. If you look at what you don’t have in life, you’ll never have enough.
-Oprah Winfrey
Der Titel „Technik-Hybris“ spielt darauf an, dass die Technik einerseits Rettung, andererseits aber auch Verderben für die Menschheit bedeutet. Bei den ersten Dampfmaschinen und Dampflokomotiven machte sich noch niemand Gedanken über den Schmutz, der dabei in die Atmosphäre gepustet wurde. Die Errungenschaften der Technik wurden nahezu einhellig bejaht. Sie haben Gesundheit und Wohlstand für so viele Menschen gebracht wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Gleichzeitig jedoch zerstört die Nutzung eben dieser Errungenschaften den Planeten auf schleichende Weise.
Killing me softly scheint das Motto des Kapitels zu sein, das zu Beginn der industriellen Revolution aufgeschlagen wurde. In welchem Kapitel wir uns heute befinden und wie viele noch folgen werden, ist unklar.
Das präsentierte Bild ist ein Triptychon, also ein dreiteiliges Kunstwerk, das häufig in der christlichen Kunst, insbesondere in der Altarmalerei des Mittelalters und der Renaissance, zu finden ist. Dieses zeitgenössische Triptychon ist jedoch weit entfernt von traditionellen religiösen Themen und folgt stattdessen einem sehr persönlichen, experimentellen Ansatz, wie er für die moderne Kunst typisch ist.
Die Gesamtkomposition liegt auf den Schwingen eines riesigen Vogels, dem Heiligen Geist entsprechend.
Aus dem Kopf des Vogels ragt ein architekturartiges, phantasieschlossartiges Gebilde, das als Symbol der Verheißung des Paradieses gedeutet werden könnte. Es könnte den heiligen Kern des Glaubens darstellen, in den der Heilig-Geist-Vogel hineinfliegt. Es ist das Mysterium des Glaubens und der Hoffnung auf eine bessere Welt – im Himmel, im Leben nach dem Tod, aber auch bereits auf Erden.
Ein existierendes Himmelreich in Form eines phantasievollen, heiligen, irdischen Gebäudes: unerreichbar und doch letztlich das Schicksal eines jeden Lebewesens am Ende des Horizonts der Lebenszeit.
Auf den ersten Blick wirkt die Komposition dynamisch und faszinierend. Der zentrale Teil des Triptychons zeigt eine Gestalt, die an die Kreuzigung Christi erinnert – möglicherweise Jesus Christus in einem Astronautenanzug. Nur die Hände befinden sich nicht im Raumanzug. Der weiße Anzug scheint Licht oder Energie auszustrahlen. Es handelt sich um eine bewusste Verzerrung des klassischen Motivs der Christus-Kreuzigung.
Wie bei der Kreuzigung auf dem Kalvarienberg (Golgatha) in Jerusalem ist zur Rechten Jesu ein abstrahierter Dismas dargestellt, während links ein abstrahierter Gestaltkomplex aus Gismas/Kosmas erscheint. Dismas bereute seine Taten, während Gismas Jesus am Kreuz verspottete. Dismas wurde das Paradies versprochen, da er Reue zeigte. Gismas hingegen ist im Bild abstrakt gehalten, da aus der Bibel nicht hervorgeht, welchen Zustand er nach dem Tod einnimmt. Dargestellt ist ein abstrakter Zustand aus Trichtern, die das Prinzip der Vergänglichkeit symbolisieren: winzig beginnend im Mutterleib und sich stetig ausweitend, bis sie als leere Öffnung in das unendliche Nichts des Raumes in alle Himmelsrichtungen übergehen.
Auf dem linken Flügel sieht man einen spitz zulaufenden Hügel, der an Szenen eines Horrorfilms erinnert: grotesk, verstörend, furchteinflößend und aggressiv, mit einer intensiven, mächtigen Ausstrahlung. Es handelt sich um eine Art dämonische Darstellung mit einer Vielzahl kleinerer Figuren oder Geister.
Auf dem rechten Flügel befindet sich gespiegelt ebenfalls ein Hügel mit dämonischen Figuren und Details.
Die rechte und linke Bildhälfte wirken wie Antagonisten und bilden einen Gegenpol zur zentralen Figur des Kosmonauten, Taikonauten oder Astronauten, in dessen Anzug sich Jesus zu verbergen scheint.
Die Farbgebung des Triptychons ist tief und intensiv, mit einem starken Kontrast zwischen roten und blauen Tönen, die emotionale Intensität und inneren Konflikt suggerieren. Der dramatische Einsatz von Licht und Schatten verstärkt die gespenstische und surreale Atmosphäre des Werks.
In kunsthistorischer Hinsicht steht das Werk in der Tradition expressionistischer und surrealistischer Kunst, die das Innere, das Traumhafte und das Emotionale über die äußere Wirklichkeit stellt. Auch Bezüge zu Fauvismus, Art Brut und Tachismus lassen sich in Teilbereichen des Werkes erkennen.
Im zeitgenössischen Kontext kann das Triptychon als Kommentar zu heutigen gesellschaftlichen wie auch persönlichen Kämpfen gelesen werden. Themen wie Glauben, Angst, Leiden, Schmerz, Ewigkeit, Diesseits, Genuss, Partysucht, Drogenmissbrauch, unerreichte oder enttäuschte Liebe, Isolation, Macht, Machtlosigkeit, Schuld und Unschuld sowie Traum und Albtraum werden in einer abstrakt verschlüsselten, transformatorischen Bildsprache erforscht.
Insgesamt ist das Triptychon ein Beispiel dafür, wie zeitgenössische Kunst die Formen und Themen traditioneller Genres aufgreift und neu interpretiert, um tiefgründige, oft verstörende emotionale Szenen, Räume und Landschaften zu erschaffen.
Georg Bischof